Connected

Der Regen wurde schwächer. Ich nahm meine Kapuze ab und blinzelte zum Himmel. Die Bäume um mich herum boten mir Schutz, nahmen mir aber auch die Sicht nach oben. Ich stellte meinen Rucksack auf den Boden und ging eine paar Schritte vor auf die Wiese. Die Donau breitete sich vor mir aus. Hier in der Wachau schlängelte sie sich durch die Wein- und Obstbauterrassen der Gegend. Ich befand mich gerade an einer Donaubiegung und überblickte die glitzernde Wasseroberfläche. Die letzten Regentropfen gaben gemeinsam mit der wieder hervortretenden Sonne einen Regenbogen Preis, der den Anblick unwirklich erscheinen ließ. 

Saftige Grüntöne, wohin das Auge blickte. Das Wasser schimmerte blau-grau, kleine Wellen plätscherten gegen das Flussufer, das sich nur wenige Meter vor mir befand. Alle paar Minuten veränderte sich die Lichtstimmung, während die Sonne stückchenweise hinter dem Horizont verschwand. Diese Farben waren unbeschreiblich! Die Variationen aus Gelb, Orange, Rot, Lila – warme Farben, beruhigend. Diese Erde hat so viele schöne Plätze und Momente zu bieten und ich hatte noch viel zu wenige davon gesehen. Ich machte ein Foto, atmete tief ein und genoss den Moment. Der Geruch der Luft, wenn es gerade geregnet hatte, erzeugte eine wohlige Wärme in mir und ließ meine Muskeln entspannen. Mein Blick wanderte über das gegenüberliegenden Ufer. Ab und zu ein Häuschen, keine Menschen. Auch auf dieser Seite des Ufers war es ruhig. Ich befand mich in einer Art Waldinsel, recht klein, abseits der Wanderwege und Straßen. Allein. Perfekt.

Seit rund einer Woche war ich zu Fuß von Wien unterwegs Richtung Passau. Die meiste Zeit hielt ich mich an den Donauradweg, aber wenn es mich wegzog, lief ich einfach abseits der Wege und erkundete die Naturlandschaft. Der Plan war grob gesteckt. Ich hatte vier Wochen Zeit, was sehr großzügig kalkuliert war. Die reine Laufzeit hatte ich mit 17 Tagen berechnet, die restlichen Tage wurden eingeschoben, wenn ich ein Plätzchen genauer erkunden oder auch durch eine nahe gelegene Stadt oder Sehenswürdigkeit flanieren wollte. Für die Nacht suchte ich mir Privatzimmer oder schlief unter freiem Himmel, wenn es das Wetter zuließ. Jetzt war ich hier – und jeden Tag auf’s Neue fasziniert. Ich, ein eingefleischtes Stadtkind, hatte mich doch wirklich zu Fuß auf den Weg gemacht. Kein Rad, kein Bus, kein Auto. Per pedes. Ein Grinsen machte sich auf meinen Lippen breit, weil ich wieder mal über mich selbst schmunzeln musste. Keine Ahnung, was da in mich gefahren war, aber ich musste einfach raus. Raus aus der Stadt. Raus aus dem Alltag. Allein. Perfekt.

Ich holte meinen Rucksack vom Waldrand. Den Schlafsack warf ich auf die Wiese, mein Reisetagebuch und ein Schokoriegel flogen hinterher. Ich entledigte mich meiner Regenjacke und schlüpfte in den Schlafsack. Die Luft war warm, der Wind blies sachte über das Wasser und die Wiesen. Einen Baumstumpf, der aus dem Boden ragte, benutzte ich als Rückenlehne. Ich nahm mein Reisetagebuch und knabberte an dem Schokoriegel. Langsam fuhr ich mit meinem Zeigefinger die Buchstaben am Buchdeckel nach: Carpe diem! Nutze den Tag! Ich dachte an meine beste Freundin, die mir das Buch vor meiner Abreise geschenkt und sich mit einer Widmung auf der Innenseite verewigt hatte: „Hey Süße! Schreib, was du denkst, was du fühlst, und erlebst! Und mach viele Fotos! Hab Spaß und pass auf dich auf – ich hab dich lieb!“ Sie hatte zwar nicht verstanden, warum ich unbedingt solo durch Österreich laufen musste, aber sie akzeptierte es. Ich hatte es auch nicht gut erklären können. Ich musste einfach allein sein. Perfekt.

Ein Geräusch dicht über meinem Kopf ließ mich zusammenzucken. Ich duckte mich, und im nächsten Moment platschte ein großes weißes Etwas auf das Fußende meines Schlafsacks. Der schuldige Vogel flog knapp über mir hinaus auf das Wasser und hatte sich über mir seines verdauten Mittagessens entledigt. „Oh no! Du bist ja ein nettes Kerlchen, hast du keine Manieren?!“ rief ich dem Vogel lachend nach und ließ meine Arme zur Seite fallen. In Wien hätte ich mich fürchterlich geärgert, geekelt und gestresst. Aber jetzt, hier, inmitten der Natur, deren Ruhe ich mit jedem Atemzug mehr und mehr einsog, entkam mir nur ein phlegmatischer Seufzer. Es war ja nichts dabei, warum sollte man sich darüber aufregen? Natur pur, würde man in der Werbung sagen. Gott sei Dank war kein Stadtmensch dabei. Der hätte mir sicher die Ruhe genommen, die ich schon gewonnen hatte. Allein sein. Perfekt. 

Ich schälte mich aus dem Schlafsack und ging damit zum Wasser, um den Dreck abzuwaschen. In meinem Rucksack fand ich noch ein paar Taschentücher, die den Rest erledigten. Dann kuschelte ich mich wieder hinein und suchte die nächste leere Seite. Ich überlegte kurz und begann dann zu schreiben: „Es ist kurz nach acht Uhr abends und ich habe es mir hier im Freien am Donauufer gemütlich gemacht. Es ist so wunderschön hier – siehe Beweisfoto mit Regenbogen… Mir glaubt doch sonst keiner, dass es hier wirklich so aussieht! Ich bin jeden Tag mehr überzeugt davon, dass es das Richtige war, diese Tour zu machen. Daran kann nicht mal der inkontinente Vogel was ändern, der mir gerade auf den Schlafsack gekackt hat. Morgen wird brav weiter marschiert, bis mittags sollte es sich schön ausgehen, dass ich zur Burgruine komme. Den restlichen Tag werde ich dann dort die Gegend etwas unsicher machen. Allein. Perfekt.

Ich legte Buch und Stift beiseite und ließ meinen Blick umherwandern. Hinter mir knackte und raschelte es im Geäst, aber das beunruhigte mich überhaupt nicht. Im Gegenteil. Meine Augen erspähten im dämmrigen Abendlicht eine Smaragdeidechse, die aus einem Freiraum zwischen ein paar größeren Steinen hervorkrabbelte und kurz die Lage checkte, bevor sie in der nächsten Lücke wieder verschwand. Ein kurzer, hoher Pfiff ließ mich den Blick auf eine kleine Böschung lenken, die sich ebenfalls nahe am Ufer befand. Nach ein paar Sekunden sah ich Mama-Ziesel, die besorgt am Eingang ihres Baus nach ihrem Nachwuchs Ausschau hielt. Ein erneuter Pfiff, und zwei Jung-Ziesel zischten von den Bäumen hinter mir kommend vorbei zur Böschung und verschwanden gemeinsam mit Mama-Ziesel im Bau. Betthupferl war angesagt.

Solche Augenblicke genoss ich mit jeder Faser meines Körpers. Das bewusste Wahrnehmen meiner Umgebung, der Natur, von all den Kleinigkeiten, die laufend geschahen und aber nicht gesehen wurden. Ich sah sie jetzt wieder. Oder vielleicht zum ersten Mal in meinem Leben so richtig. Und es war wunderschön. Eins zu sein mit der Umgebung. Durch den Schlafsack spürte ich die Unebenheiten des Erdbodens, der mir trotz seiner Unregelmäßigkeit die Stabilität gab, die ich brauchte. Ich roch das nasse Holz des Baumstumpfes hinter mir, der mich trotz seiner eigenen Endlichkeit stützte. Ich hörte den Wind, der sanft durch die Blätter der Bäume und über das Wasser glitt und mir trotz seiner Unberechenbarkeit ein Gefühl der Freiheit vermittelte. Rundherum machte das Licht den nächtlichen Schatten Platz und ich starrte auf die Sterne über mir, die immer mehr wurden. Einfach so. Bis ich irgendwann einschlief. Allein. Und doch verbunden. Perfekt.

Verfasst im Juli 2020

4 Antworten auf “Connected”

  1. Oh, ich versteh dich. Stehe oft bewegungslos mitten im Garten, weil ich irgendein Viecherl beobachte. Die Nachbarn können sich ihres dabei denken …
    … und erinnere mich an deine Begegnung mit einem inkontinenten Vogerl am Schottenring …

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