Beginning


Der Anblick des Bösen zündet Böses in der Seele an. Das ist unvermeidlich.

Carl Gustav Jung

„Graz ist abgeschlossen. Wir fahren noch heute zurück nach Wien, es gibt bereits einen neuen Fall. Team-Briefing ist morgen früh um sieben Uhr.“ Donia las die Mail von ihrem Chef und streckte sich durch. Sie war allein im Büro. Kein Wunder bei der Uhrzeit – ein Blick auf den Zeitmesser an der Wand zeigte, dass es zehn Uhr abends war. Sie war seit rund drei Monaten Mitglied der Gruppe „Operative Fallanalysen“ im Bundeskriminalamt. Die Arbeitszeiten waren äußerst flexibel – Verbrecher hatten schließlich auch keine geregelten Geschäftszeiten.

Donia startete das Verschlüsselungs- und Archivierungsprogramm für den Fallakt. Dann legte sie die Füße auf den Tisch und machte es sich in ihrem Bürostuhl gemütlich. Entspannt sah sie den Buchstaben und Zahlen, wie sie langsam von oben nach unten über die Monitore prasselten. Vergleichbar mit einem leichten Sommerregen, dessen Tropfen sich zart und leise auf einer bunten Blumenwiese verteilten. Der Anblick verfrachtete sie in eine Art Trancezustand und sie starrte recht bald ins Leere. Ihre Gedanken ließen sie den vergangenen Sonntag vor ihrem geistigen Auge Revue passieren. Es war ein schöner Sommertag und sie hatte es sich im Park auf einer Decke gemütlich gemacht. Diesen grünen Fleck inmitten der Betonbauten der Großstadt hatte sie liebgewonnen. Er war wie ein alter Freund, den sie jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit begegnete und der ihr die Kraft schenkte, die sie für ihren Job benötigte. 

Donia hatte ihr Buch zur Seite gelegt, lag mit geschlossenen Augen auf der Decke und ließ die warmen Sonnenstrahlen über ihre Haut tanzen. Ein angenehmes Prickeln strömte durch ihre Adern, und mit tiefen Atemzügen genoss sie den Duft der umliegenden Bäume und Blumen. Kindergeschrei und das Gelächter der Eltern vernahm sie nur leise. Nach einiger Zeit registrierte sie Schritte im Gras, die in ihrer Nähe stoppten. Eine Person stellte sich in die Sonne, kurz darauf vernahm Donia ein nervöses Räuspern. „Was treibt dich in meine Gegend, Paul?“, fragte Donia unvermittelt und öffnete die Augen. Vor ihr stand einer ihrer Teamkollegen. Seit ihrem ersten Kennenlernen war sie fasziniert von seinem Wissen und Intellekt. Diese Eigenschaften machten ihn auf eine für sie unbekannte Art anziehend. 

„Ich war mit Flo aus dem Back Office unterwegs, er wohnt gleich hier um die Ecke“, deutete Paul kurz hinter sich. „Ich war mir nicht sicher, ob ich dich richtig erkannt habe“, sprach er weiter und musterte Donia. Sie trug ein ärmelloses Top und eine kurze Jeans. Ihre Muskeln bewegten sich unter ihrer gleichmäßig gebräunten Haut. Im Büro trug sie stets lange Hosen, Blusen, Blazer. Ein Blick auf ihre Beine ließ ihn ein Tattoo unterhalb ihres rechten Knöchels erkennen. Chinesische Schriftzeichen. „Was bedeutet das Tattoo?“, fragte er neugierig und deutete mit dem Kopf leicht in die Richtung. 

Er registrierte, wie Donia zärtlich darüber strich. Er mochte sie. Sie hatte in kurzer Zeit ihren Platz im Team gefunden, war intelligent und hatte eine schnelle Auffassungsgabe. Ihre Aufgaben erledigte sie mit hoher Präzision. Und sie war hübsch. Hatte tiefgründige, grüne Augen und ein süßes Lächeln. „Paulchen, Paulchen, immer im Dienst. Wird das hier jetzt ein Verhör? Geh mir aus der Sonne und setz dich zu mir, du bist nicht durchsichtig“, schlug Donia lachend vor. Er gesellte sich zu ihr, während sie ihm auf der Decke Platz machte und eine frische Wasserflasche anbot, die er dankbar annahm. 

„Die Zeichen stehen für Gottesgeschenk. Donia bedeutet soviel wie ‚Die von Gott Geschenkte‘. Ich war eine Risiko-Schwangerschaft, es ging aber alles gut für meine Mutter und mich“, erklärte sie lächelnd. „Bist du gläubig?“, hakte Paul überrascht nach. Donia nahm einen Schluck aus ihrer Wasserflasche und schüttelte den Kopf. „Nicht im herkömmlichen Sinn. Ich glaube nicht, dass ein alter Mann mit Rauschebart die Erde erschaffen hat. Ich gehe nicht in die Kirche. Ich glaube aber, dass es Dinge gibt, die man durch Logik und Wissenschaft allein nicht erklären kann. Zwischenmenschliches, das Wesen des Menschen. Jedes Lebewesens um genau zu sein. Eine spirituelle Ebene, schwer zu beschreiben. Andere beschreiben das mit dem Wort Gott.“

Paul hörte ihr gerne zu. Ihre Stimme hatte eine angenehme Tonlage. „Ich denke ich weiß, was du meinst“, antwortete er ruhig und blickte an ihr vorbei zu einem alten Ehepaar, das auf einer Parkbank saß und dem lebendigen Treiben ringsum mit einem Lächeln zusah. „Logik ist hier“, fuhr er fort und deutete mit seiner linken Hand an seine Schläfe. „Das andere hier“, schloss er seine Überlegung und glitt mit seiner Hand hinab, auf Höhe seines Herzens. Auch Donia gefielen die Gespräche mit Paul – sie freute sich, dass er sich für sie interessierte. Beide saßen sich direkt gegenüber, sahen sich aber nicht in die Augen. Paul spielte mit seinen Fingerspitzen an dem Verschluss seiner Wasserflasche herum. Er war nervös. Donia gefiel das, denn sie war es auch. Sie mochte ihn. Seine Ausstrahlung hatte sie eingenommen, obwohl er rein äußerlich keinem ihrer bisherigen Männerbekanntschaften entsprach. 

Mit steigendem Puls beschloss sie, die Initiative zu ergreifen. Sie neigte sich leicht in seine Richtung. „Du bist nervös, kann das sein?“, fragte sie leise. Ein leichtes Lächeln umspielte ihren Mund. Er sah sie an und biss angespannt auf seine Unterlippe. „Du wolltest etwas wissen, jetzt bin ich dran. Also?“, hakte Donia nach. Er beugte sich ihr nun ebenfalls entgegen. „Scheinbar nicht nervöser als du es bist. Stimmt’s?“, schmunzelte er und wartete auf ihre Reaktion. Donia brach sofort den Augenkontakt ab und schloss die Lider. Ihr Blinzeln hatte sie verraten. Sie fingen beide an zu lachen. „Warum bist du nervös?“, fragte Paul und hob interessiert die Augenbrauen. Donia seufzte. „Weil wir zwei alleine hier sitzen“, murmelte sie. „Was macht dich daran nervös?“ Sie schüttelte den Kopf und lachte leise. „Paul Binder, du bist ein Genie der Wissenschaften, aber ein Kleinkind in Sozialverhalten.“ „Das mag sein. Aber ich bin aufgeschlossen. Erklär es mir. Ich lerne immer wieder gerne dazu“, sagte er charmant. 

Donia holte tief Luft. „Ich mag dich. Es wäre schön, wenn wir uns besser kennenlernen würden“, platzte sie tapfer heraus. Paul mochte ihre Art, auch wenn es sie offensichtlich Überwindung kostete, so zu agieren. Ihre Wangen waren gerötet, ihre Augen blinzelten im Sekundentakt. Ein angenehmes, warmes Gefühl machte sich in seiner Magengegend breit. Dieses Gefühl hatte er noch nicht oft erlebt. Aber er wusste, was sich daraus entwickeln konnte. Er nahm seinen ganzen Mut zusammen. Im Umgang mit Frauen war er nicht sehr erfahren. Donia hatte recht, sein Sozialverhalten war seine Schwäche. Aber wenn sie ihm schon offenbart hatte, dass sie ihn mochte, konnte er nicht falsch liegen. 

Er kam Donia langsam näher und griff mit einer Hand nach ihrem Gesicht, um zärtlich ihre Wange zu streicheln. Donia stockte der Atem. Sie spürte seine warme Hand. Es fühlte sich gut an. Je näher er kam, desto mehr verlor sich Donia in seinen dunkelbraunen Augen. Wenige Zentimeter vor ihrem Gesicht hielt er inne. Er konnte ihre Anspannung spüren, ihm erging es nicht anders. „Kennenlernen ist eine tolle Idee“, murmelte er und lächelte leicht. Sie tat es ihm gleich, dann kam sie ihm die letzten Zentimeter entgegen und schloss die Augen, bevor sich ihre Lippen zum ersten Mal trafen. Sie konnte die Wärme seines Körpers erahnen und schmiegte sich in seine Hand, die immer noch ihre Wange liebkoste. Er konnte spüren, wie sie durch die Nase ausatmete. Der Luftzug ihres warmen Atems streifte seine Wange und ließ ihm einen wohltuenden Schauer über den Rücken laufen. Paul küsste sie ein weiteres Mal, und genoss ihre zarten Lippen, die leicht nach Beeren schmeckten. Schließlich trennten sie sich lächelnd von einander. „Morgen? Abendessen? Acht Uhr bei mir?“, fragte Paul hoffnungsvoll. „Lieferservice?“, fragte Donia ungläubig. „Natürlich nicht! Die Vermengung einzelner Zutaten in zeitlicher Reihenfolge unter Zuhilfestellung verschiedener technischer Geräte zur Veränderung ihres Aggregatszustandes ist einfach. Wie Mathematik!“ Donia lachte kurz laut auf. „Paulchen, du überrascht mich immer wieder! Ich komme gerne“, sagte sie leise und freute sich auf die Zeit zu zweit.

Zu dem Abendessen war es jedoch nicht mehr gekommen. Sonntag Abend war der Graz-Fall angelaufen, dessen Inhalte gerade verschlüsselt über Donia’s Monitore liefen. Seit dem Briefing zu diesem Fall hatte sie Paul nicht mehr gesehen, da das Team vor Ort erforderlich war. Donia blieb in der Zentrale, da sie einerseits noch zu kurz dabei war, andererseits waren drei Beamte des Bundeskriminalamtes vor Ort genug. Donia setzte sich wieder normal hin. Das Programm war gleich fertig, dann konnte sie auch noch etwas schlafen. Doch das Timing meinte es anders. Teamleiter Oliver Wimmer rief an. Ein langjähriger Beamter, der auf den ersten Blick streng, aber fair, und ziemlich unnahbar wirkte. Im Laufe der Zeit kam jedoch auch immer wieder eine charmante und humorvolle Seite zum Vorschein. Donia stellte die Verbindung über die Webcam her. 

„Hallo Chef, was brauchst du?“, fragte sie freundlich. „Hallo Donia. Wir sind am Weg zurück und wollen die Zeit im Auto noch sinnvoll nutzen. Kannst du uns noch Input zur neuen Fallakte liefern?“, fragte Oliver. Das Bild der Kamera zeigte das Wageninnere. Er fuhr den Wagen, Marie Hagener saß am Beifahrersitz. Sie war die Dienstälteste in der Gruppe und oft griesgrämig. Sie hatte jedoch das Herz am rechten Fleck und brachte viel Erfahrung mit. Auf der Rückbank saß Paul, der sie mit einer fast unmerklichen Handbewegung begrüßte. Alle drei sahen erschöpft und müde aus. Donia rieb sich kurz die Augen, um zu ihrer Konzentration zurückzufinden. „Klar, was habt ihr für mich?“, nickte Donia und bereitete am zweiten Monitor einige Eingabemasken auf diverse Datenbanken vor. „Paul, zähl kurz die Fakten auf, bitte“, meinte Oliver und konzentrierte sich weiter auf den Straßenverkehr. Paul räusperte sich und beugte sich mit einem Tablet in der Hand vor. „Frauenleiche. Heute früh gefunden, an der Donau-Uferpromenade in der Nähe des Stifts Melk in Niederösterreich. Tod durch Erwürgen, vermutlicher Todeszeitpunkt 5. Juli.“

Während Donia die Parameter in eine der Suchmasken eintrug, sang sie leise vor sich hin. „Wir singen deine Weisen, die dir an Schönheit gleich und hoch dich preisen, mein Niederösterreich.“ „Wie war das?“, fragte Oliver und sah kurz in die Kamera. „Sorry. Niederösterreichische Landeshymne. Poppt immer wieder mal automatisiert in meinem Hirn auf, so wie der Rosenkranz. Ich bin dort aufgewachsen“, erklärte Donia schmunzelnd. „Ich verstehe immer noch nicht, warum der Fall bei uns gelandet ist. Warum können die Beamten vom Landeskriminalamt das nicht allein lösen?“ Dieser Einwand von Marie schien einleuchtend, Donia behielt ihren Blick jedoch auf dem anderen Monitor, auf dem langsam die ersten Ergebnisse angezeigt wurden. „Tirol und Bayern meldeten in den letzten Wochen ähnliche Mordfälle. Ebenfalls erwürgte Frauen. Eventuell haben wir es hier mit einem Serienmörder zu tun. Bedingt durch den deutschen Mordfall sind auch die bayerischen Kollegen sowie Europol involviert; wir sind daher auch als Verbindungsbeamte tätig“, klärte Wimmer die Runde auf. 

„Na von mir aus. Gibt es schon einen Ermittlungsansatz hinsichtlich der Fundorte?“, fragte Marie genervt und seufzte. „Den österreichischen Jakobsweg“, beantworteten Donia und Paul gleichzeitig die Frage. Donia sah überrascht auf das Videobild, Paul verzog den Mund zu einem leichten Grinsen. Marie sah mit hochgezogenen Augenbrauen zuerst in die Kamera, dann Richtung Paul. „Macht dir da etwa jemand deine Genialität streitig?“, fragte sie amüsiert. „Das ist bei mir nur der geografische Vorteil“, entgegnete Donia schnell. Paul zuckte scheinbar emotionslos mit den Schultern und wandte den Blick wieder seinem Tablet zu. „Hast du noch mehr Details für uns?“, fragte Oliver nach. „Melk ist Teil dieses Weitwanderweges, der unter anderem durch Tirol und auch ein Stück durch Deutschland verläuft. Wenn die anderen Fundorte mit Abschnitten des Wanderweges übereinstimmen können wir annehmen, dass der Täter sich an diese Route hält. Ich such mal in den restlichen Bundesländern nach ähnlichen Leichenfunden.“ 

Donia war nun wieder hellwach. Ihre Finger flogen über die Tastatur, während ihre Augen versuchten, die Datenbankergebnisse nach sinnbringenden Informationen zu durchforsten. „Bingo!“, rief sie und sah kurz in die Webcam. „In fast allen Bundesländern entlang des österreichischen Jakobsweges gab es in den letzten Wochen ungeklärte Mordfälle. Der erste war in Tirol Anfang Mai. Die Daten sind unterwegs“, sagte Donia konzentriert. Sie gab dem Team einen kurzen Moment, die übermittelten Daten zu überprüfen. Ihr Blick huschte immer wieder kurz zu Paul, doch der schien sich intensiv mit den übermittelten Informationen zu befassen. Das war wohl auch besser so, Blickkontakt würde sie nur unnötig ablenken. Sie hatte bereits einen weiteren Fakt aus den Daten ableiten können, wartete aber noch damit, ihn den anderen zu berichten. „Warum denkst du, dass die Fälle zusammenhängen?“, fragte Oliver bei Donia nach. „Start in Tirol. Frau. Erwürgt. Zwei Wochen später: Salzburg. Mann. Erstochen. Zwei Wochen später: Bayern. Frau. Erwürgt. Zwei Wochen später: Oberösterreich. Mann. Erstochen. Und jetzt, wieder nach zwei Wochen, eine weitere erwürgte Frauenleiche. Es ist immer derselbe Rhythmus. Immer entlang des Jakobsweges. Das ist dieselbe Person.“ 

Oliver nickte bestätigend. „Klingt schlüssig. Was hat es mit dem Rhythmus auf sich?“, fragte er weiter. Donia hatte wieder eine Vermutung, doch diesmal war Paul schneller. „Die Mondphasen“, beantwortete er die Frage. Donia musste lächeln. Wer, wenn nicht er. „Die Frauen werden bei Vollmond getötet, die Männer bei Neumond“, klärte Paul die Gruppe auf. Donia nickte in die Webcam. „Das ist korrekt. Die pathologischen Befunde grenzen die Todeszeitpunkte rund um Voll- bzw. Neumond ein“, bestätigte sie Paul’s Aussage. Jetzt sah Marie abwechselnd zu Paul und dann in die Kamera. „Ihr zwei seid ja schon sehr gut eingespielt. Da werde ich ja endlich unnötig und kann in Pension gehen“, stellte sie trocken fest. Ein leicht genervtes Augenrollen von Oliver war die Antwort.

„Kann ich sonst noch was für euch tun?“, fragte sie. „Nein. Danke, Donia. Wir sehen uns dann morgen früh zum Briefing. Gute Nacht“, sagte Oliver ruhig und nickte in die Kamera, bevor er das Gespräch beendete. Donia startete noch das Backup und ging anschließend in den Bereitschaftsraum. Ihre Tasche stand noch von gestern Abend hier, eine Garnitur Frischwäsche hatte sie noch dabei. Sie schmiss sich auf das Bett und schloss die Augen. Donia überlegte kurz, ob sie das Smartphone nochmal in die Hand nehmen sollte, nachdem sie dessen Vibration wahrgenommen hatte. Beim Anblick des Displays entkam ihr ein Lächeln, als sie Paul’s Nachricht las: „Es war schön, dich zu sehen und deine Stimme zu hören. Schlaf gut!“ „Dito! Schlaf gut, Paulchen!“, antwortete Donia noch rasch. Der Adrenalin-Schub der Recherche ließ nach, jetzt überkam sie ebenfalls die Müdigkeit, und ließ sie recht bald von einem wunderschönen, romantischen Abendessen träumen. Paul entkam ein leiser Seufzer, als er Donia’s Antwort las. Er mochte es, wenn Donia ihn so nannte. In seinen Gedanken lag er neben ihr und hielt sie fest. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, er lehnte sich entspannt zurück und ließ seinen Blick aus dem Fenster schweifen. Die Nacht hatte die Landschaft fest im Griff. Kaum ein Auto auf der Straße, eine Straßenbeleuchtung in der Ferne schien in einer Art Dämmerzustand vor sich hinzudösen. Paul tat es ihnen gleich und schlummerte für die restliche Fahrt in einem leichten Schlaf.

Pünktlich um sieben Uhr morgens traf sich das Team zum Briefing. Die Stimmung war noch recht verhalten – bei der Uhrzeit und dem Arbeitspensum der letzten Tage nicht verwunderlich. Donia hatte mit Marie vor dem Termin noch die Details der anderen Morde entlang des österreichischen Jakobswegs zusammengefasst und tabellarisch dargestellt, um das Team bei der Analyse zu unterstützen. Sie vermied es bewusst, längeren Blickkontakt mit Paul zu haben. Die nächsten Stunden und Tage würden von Konzentration und Teamwork geprägt sein. Ablenkung in jedweder Form war Tabu. 

Oliver Wimmer trat mit seiner Kaffeetasse in der Hand an das Whiteboard, das an der Längswand des Raumes montiert war. Paul hatte die wichtigsten Eckdaten und Fotos vor Beginn des Meetings daran befestigt. „Guten Morgen, meine Lieben“, begann er seinen Monolog und sah vom Whiteboard weiter in die Runde. „Da ist ja schon einiges zusammen gekommen. Haben sich die Opfer gekannt?“, fragte Oliver und betrachtete die Bilder der Verstorbenen. „So wie es bis jetzt aussieht, nein“, murmelte Marie. „Dann sieht nur der Täter die Gemeinsamkeit dieser Personen. Sie müssen ihn an jemanden erinnern, Männer und Frauen sehen sich jeweils ähnlich. Vielleicht Eltern? Geschwister? Kinder?“, zählte Paul die Möglichkeiten auf. „Ja, es sieht danach aus“, bestätigte Oliver Paul’s Annahme und machte Notizen auf dem Whiteboard.

Donia kam plötzlich ein Gedanke. „Bin gleich wieder da…“, sagte sie gedankenverloren, griff nach ihrem Smartphone und verließ den Raum. „Nur zu, wenn’s uns hilft“, rief Oliver ihr nach und sah Marie an, die nur phlegmatisch mit den Schultern zuckte. Kurze Zeit später kam Donia zurück. „Und?“, fragte Oliver erwartungsvoll. „Ich habe einen alten Kontakt aus der Polizeischule, der jetzt im LKA Tirol arbeitet. Er schickt mir gleich noch ein paar Unterlagen. Ich denke, es ist eine heiße Spur“, begann Donia und nahm wieder Platz. „Dann lass mal hören“, brummte Marie und lehnte sich zurück. „Ende April gab es in Zirl in Tirol einen Mordfall, der an sich bereits aufgeklärt werden konnte. Ein 50-Jähriger hat seine 48-jährige Ehefrau mit einem Jagdmesser erstochen. Deren gemeinsame 23-jährige Tochter war Zeugin des Mordes. Der Vater wurde am Tatort verhaftet, war geständig und sitzt aktuell in der Justizanstalt Josefstadt für die Dauer der Verhandlung ein. Die Tochter ist Zeugin im Prozess, aber seit ihrer Einvernahme abgängig.“ „Und wie passt das in unsere Serie?“, hinterfragte Marie. Donia war Paul einen kurzen Blick zu, der ihr aufmunternd zunickte. „Der Vater gilt als gewalttätig und hat Ehefrau und Tochter regelmäßig misshandelt. Das zeigen entsprechende ärztliche Aufzeichnungen. Die Mutter hatte Kehlkopfkrebs im Endstadium, war des Sprechens kaum noch mächtig. Die Tochter leidet an Hebephrenie. Ich denke, die Tochter ist unsere Täterin. Sie durchlebt mit den Morden immer wieder eine Art Racheakt an ihren Eltern“, schloss Donia ihren Monolog und wartete angespannt auf die Reaktion der Gruppe. „Weiblicher Serienmörder sind sehr selten, aber es gibt sie. Der Mord des Vaters an der Mutter könnte ein Trigger sein“, murmelte Marie und sah zu Oliver.

Donia’s Smartphone und Tablet vibrierten nahezu zeitgleich auf dem Tisch. Ein kurzer Blick in das E-Mail stützte ihre Vermutung weiter. „Das sind die Unterlagen aus Tirol“, begann Donia und überflog die erhaltene Nachricht. „Das LKA Tirol hat heute Morgen das Haus der Familie durchsucht. Bilder und Urlaubsvideos zeigen, dass die drei viel in Österreich unterwegs waren. Zwei DVD-Cover sind mit dem Titel „ÖJW 2016“ bzw. „ÖJW 2012″ beschriftet“, klärte sie die Runde über die Neuigkeiten auf. „ÖJW. Österreichischer Jakobsweg. Das bedeutet, dass die Tochter die Strecke kennt“, stellte Marie fest. Oliver stand mit dem Rücken zur Gruppe und machte weitere Notizen auf dem Whiteboard, während er die nächsten Schritte festlegte: „Marie, wir schicken das Update gemeinsam mit der Personenfahndung nach der Tochter an alle LKA’s, die Mordfälle zu dieser Serie haben. Und den Bayern. Dringender Mordverdacht in fünf Fällen. Lass außerdem checken, ob es seit dem ersten Mord Bargeldbehebungen oder Bankomatzahlungen über ein Bankkonto eines Familienmitglieds gegeben hat.“ Marie nickte und begann konzentriert auf die Tastatur ihres Laptops zu tippen. 

„Ihr wisst, dass sie noch nicht fertig ist, oder“, sagte Oliver halblaut, und starrte auf das Whiteboard. „Wien fehlt noch, das wird ihr Finale“, stellte Paul fest und nahm einen Schluck von seinem Kaffee. „Und der nächste Neumond ist am 20. Juli. Das heißt wir haben noch genau sieben Tage, um sie zu finden. Ob das genug ist, ist die Frage“, philosophierte er weiter. „Warum tötet sie auch Frauen? Der Vater hat sie misshandelt, aber die Mutter? Und warum tötet sie auf unterschiedliche Arten?“, fragte Oliver in die Runde. „Die Mutter war aufgrund ihrer Krankheit mehr oder weniger stumm. Die Frauen zu erwürgen könnte die fehlende Stimme versinnbildlichen. Sei es die der Mutter oder auch ihre eigene, da ihre Hilferufe nicht gehört wurden. Vermutlich hat die Mutter ihre Tochter vor dem Vater nicht beschützt – sei es ob sie nicht konnte, oder nicht wollte“, sprach Paul seine Überlegungen laut aus. 

„Einen Menschen zu erwürgen erfordert Kraft. Eine Frau kann das jedoch bei einer Frau schaffen. Bei einem Mann ist das um einiges schwieriger“, überlegte Oliver laut weiter. Er warf einen Blick auf sein Tablet. „Die Männer wurden von hinten erstochen. Überraschungsangriff. Wenn der Stich sitzt, ist das Opfer wehrlos.“ „Genau“, schaltete sich Donia jetzt wieder ein. „Alle Männer wurden mit einem gezielten Stich in die Lunge getötet. Das Opfer kann dadurch nicht mehr laut schreien, es wird ihm die Luft zum Atmen genommen“, erklärte sie weiter. „Dass sie die Männer bei Neumond tötet, hilft ihr. Sie kann sich besser verstecken. Das Erwürgen der Frauen bei Vollmond ist persönlicher. Sie sieht ihnen im Mondschein beim Sterben zu“, sinnierte Paul laut weiter und sah zu Oliver. „Und damit auch sich selbst. Jedes Mal“, murmelte Donia in Gedanken versunken. „Wie bitte?“, fragte Oliver nach. Donia blinzelte und sah dann zu Oliver. 

„Die Tochter leidet an Hebephrenie. Das ist eine Unterform der Schizophrenie, die bereits in der Pubertät auftreten kann. Keine Wahnvorstellungen oder Halluzinationen, dafür Verarmung der Gemütserregungen, Depressionen, Verlust der Sozialkompetenz, einzelgängerisches Verhalten. Andererseits…“, zählte Donia aufgeregt einige Symptome des Krankheitsbildes auf, ehe sie von Paul unterbrochen wurde. „Andererseits neigen solche Personen – ähnlich wie Autisten – dazu, außergewöhnliche Fähigkeiten zu entwickeln, ihr Intellekt bleibt oft erhalten. Das bedeutet, sie kann sich Wissen aneignen und nach wie vor strukturiert denken sowie Abläufe planen. Bedingt durch die einhergehenden Depressionen beenden Menschen mit Hebephrenie ihr Leben jedoch oft durch die eigene Hand“, schloss Paul Donia’s Analyse mit seinem Input ab. Er war von ihrem Scharfsinn fasziniert und nickte anerkennend.

„Das heißt, mit jedem Mord tötet sie einen Elternteil und sich selbst“, zog Oliver sein Fazit aus dem soeben Gehörten. „Vermutlich. Wenn ich mir den Fall so ansehe, würde ich darauf wetten, dass sie ihren Vater in Wien versuchen wird, umzubringen“, stellte Marie fest und sah Donia an. Diese holte tief Luft. „Der aufgrund seiner Verhandlung ja gerade hier ist“, nickte sie bestätigend und betrachtete die Informationen, die sie zum Fall am Whiteboard zusammengetragen hatten. „Sie muss sich derzeit in einer extrem manischen Phase befinden. Realistisch sind ihre Denkansätze keinesfalls mehr. Aber logisch und strukturiert“, ergänzte Donia die Überlegungen ihrer Kollegen. „Die aktuelle Lage lässt darauf schließen, dass sie – egal, ob sie es schafft, ihren Vater zu töten oder nicht -, im Anschluss versuchen wird, sich das Leben zu nehmen. Sobald das Adrenalin abflaut, werden die Depressionen und ihre suizidalen Gedanken die Oberhand gewinnen. Sie ist eine akute Fremd- und Selbstgefährung!“, schlussfolgerte sie weiter.

„Aber zu unserem Glück auch nicht sehr vorsichtig“, hakte Marie ein und zog damit die Aufmerksamkeit auf sich. „Sie hat die Kreditkarte ihres Vaters in den letzten Wochen drei Mal verwendet. Buchungen in der Nähe des Weitwanderweges in Bayern und Salzburg belegen das“, informierte sie ihre Kollegen und lehnte sich seufzend zurück. „Viel mehr können wir die Fahndungstrupps wohl nicht mehr unterstützen“, stellte Oliver fest und legte den Whiteboard-Stift beiseite. „Wir könnten sie noch selbst finden und inhaftieren“, meinte Marie lapidar und verzog den Mund zu einem schiefen Grinsen. „Das wäre eine Übertretung der Zuständigkeit. Ganz böse, Marie“, wies Oliver sie mit einem Zwinkern zurecht. „Ich schick noch mal ein Update mit den letzten Infos raus“, sagte Marie und nahm ihren Laptop, um damit zurück in ihr Büro zu gehen. „Gib der JVA Josefstadt sicherheitshalber auch die Info, vorübergehend den Personenschutz für den Vater zu erhöhen. Danke“, rief Oliver ihr nach. „Donia, kannst du die psychoanalytischen Schlussfolgerungen bitte für den Bericht in ein verständliches Amtsdeutsch bringen. Dann kannst du es für heute gut sein lassen, die letzten Tage waren intensiv genug“, sagte er freundlich. Dann deutete er Paul mit dem Kopf, ihm zu folgen. „Wir sehen uns noch kurz einen anderen Fall an, dürfte schnell gehen“, meinte er im Hinausgehen.

„Ich komme gleich“, rief Paul dem Teamleiter nach und sah Donia an. Für einen Augenblick blieben die beiden allein im Besprechungsraum zurück. Die Stille schien immer lauter zu werden, bis Paul zu Donia aufrückte und sachte ihren Arm berührte, der auf ihrer Lehne lag. Eine Gänsehaut überkam sie. „Deine Recherchen, Überlegungen und Kontakte haben uns in diesem Fall schnell weitergebracht. Du bist echt ein Glücksgriff für diese Truppe“, sagte er bewundernd. Donia lächelte und sah ihn an. „Danke, es ist schön, wenn man wertgeschätzt wird“, murmelte sie und drehte sich zu ihm. „Wir sind echt ein gutes Team“, meinte sie grinsend. „In der Tat. Daran sollten wir unbedingt weiterarbeiten“, schloss sich Paul ihrer Meinung an. „Heute Abend? 8 Uhr? Bei mir zu Hause?“ fragte er nach einer neuen Verabredung. „Ich bin da. Soll ich etwas mitbringen?“, fragte sie leise. Er schüttelte leicht den Kopf. „Nur dich“, antwortete er lächelnd. „Das schaff ich“, zwinkerte sie und gab ihm einen leichten Kuss auf die Wange. „Bis dann, Paulchen. Ich freu mich!“, sagte sie und verließ ebenfalls den Besprechungsraum. Paul sah ihr nach. Es würde ein schöner Abend werden. Er musste sich nur noch ein Abendessen überlegen und einkaufen. Und kochen. Aber das war einfach. Wie Mathematik.


Manchmal zeigt sich der Weg erst, wenn man anfängt ihn zu gehen.

Paulo Coelho

Verfasst im Mai 2018, überarbeitet im August 2020

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