Endgegner

Das grelle Licht des Kühlschranks lässt mich blinzeln. Ich greife nach einer Wasserflasche und schließe die Kühlschranktür wieder. Mit müden Schritten gehe ich auf meine Terrasse, lehne mich gegen das Geländer und warte vergebens auf einen kühlen Luftzug. Mit geschlossenen Augen vernehme ich einige wenige Geräusche der vor Hitze stöhnenden Großstadt. Um zwei Uhr morgens war es still, nur ab und an ein leises Motorengeräusch, weit weg das Aufheulen einer Rettungssirene. Im Geäst der Bäume, die zwischen Wohnhaus und Straße stehen, raschelt es. Auch den tierischen Stadtbewohnern machen die Temperaturen zu schaffen.

Seufzend lege ich mir die kalte Wasserflasche in den Nacken. Die kondensierten Tropfen an der Außenseite der Flasche vermischen sich mit dem Schweiß meiner aufgeheizten Haut. Ich lächele leicht; eine angenehme Abkühlung, die jedoch schnell verpufft. Ich öffne wieder die Augen und blicke in die Ferne.

Weit draußen sehe ich die synchron schimmernden Leuchten der Windräder, die am Stadtrand stehen. Das Beobachten der roten Lichter, deren Choreographie sich alle paar Sekunden minimal zu verändern schien, hatte eine entspannende Wirkung auf mich. Ich mache es mir auf einem Liegestuhl bequem und nehme einen großen Schluck aus der Wasserflasche.

Den Blick nach oben gerichtet, versuche ich, einen klaren Gedanken zu fassen. Mein Innerstes scheint heute Nacht so zu sein wie der nächtliche Himmel. Gedanken in rauen Mengen, wie die Sterne über mir, doch gleichzeitig ein Nichts, wie das Schwarz, das die Sterne umschließt.

Die vergangenen beiden Jahre waren intensiv gewesen. Vollgespickt von emotionalen Ausnahmezuständen, Abstürzen, Höhenflügen, und Entscheidungen, die mein Leben grundlegend verändert haben. Viele „Baustellen“, wie ich es selbst nenne, waren hochgekommen. Durch meine die Entschlüsse, konnte ich diese großteils verarbeiten und abschließen.

Manch einer meiner Freunde meint, dass mein Tempo, mit dem ich mein Leben umgekrempelt habe, zu schnell sei – doch das Gefühl habe ich nie gehabt. Im Gegenteil. Es scheint mir, als ob mich jedes Mal eine Art Energie-Booster packen würde, der mich weiter in diesen neuen Lebensabschnitt katapultiert. Und mir gleichzeitig die Kraft gibt, die nächste Wandlung durchzustehen.

Rückblickend habe ich mit vielen meiner Entscheidungen zu lange gewartet – aber mir war nach jeder von ihnen bewusst, dass es die Richtige gewesen war. Weil ich im selben Moment sowohl eine körperliche als auch seelische Entspannung, ein Freiheitsgefühl, bemerkt hatte. Aufrechter Gang, tiefes Durchatmen, kein Druck mehr auf der Brust, der mir die Luft zum Atmen nahm. Das konnte nicht falsch sein. Mein neues Leben habe ich im Griff. Aber meine Wandlung ist noch immer nicht abgeschlossen.

Ich stehe meinem Endgegner gegenüber: meinem Selbstbild, meinem Selbstwert, der Akzeptanz und Wertschätzung meiner eigenen Person.

Nach über zwei Jahren Therapie habe ich viel (jedoch noch lange nicht alles) über mich gelernt, und ich akzeptiere mich selbst weit mehr als noch vor drei Jahren. Dennoch gibt es Tage, an denen ich mich nicht einmal im Spiegel ansehen kann. Mein Selbstwert, den ich aus mir noch unbekannten Gründen seit jeher mit meinem Gewicht verknüpft habe und an solchen Tagen kaum vorhanden ist, entfacht dann den größten Mobber: mich selbst. Diese innere Stimme ist sehr verletzend und bösartig.

„Du bist häßlich, nicht anzusehen. Warst du immer schon, weil du nie was dagegen gemacht hast. Beweg dich mehr, dann nimmst du ab. Kein Wunder, dass dir alles weh tut. Du bist so peinlich, wenn du keine Luft bekommst und schwitzt wie ein Schwein. Die anderen lachen dich hinter deinem Rücken aus und machen sich über dich lustig. Erwarte bloß kein Mitleid.“

Das sage ich mir selbst, mit dem Brustton der Überzeugung (und das sind noch harmlosere Beispiele). Und mache mich damit selbst nieder. Ich nenne solche Phasen meine „trüben Tage“, da sie mir aufs Gemüt schlagen. Der Grund, warum ich seit Jahrzehnten mit meinem Gewicht kämpfe, ist noch zu tief in mir vergraben, als dass ich ihn zum jetzigen Zeitpunkt in verständliche Worte fassen könnte – nicht einmal für mich selbst. Aber eines ist klar: ich versuche, meine körperliche Gesundheit in den Griff zu bekommen, ohne meine psychische Gesundheit zu überfordern.

Was mich die letzten Jahre gelehrt haben ist, dass nicht alles auf einmal geht. Ich kann mich nicht gleichzeitig auf mehrere, mein Leben beeinflussende und sogar verändernde, Handlungen konzentrieren – dann schaffe ich es nicht, alle Aktionen zu einem positiven Ende zu bringen. Daraus ergibt sich Chaos, Unsicherheit und Stress. Ich muss eines nach dem anderen angehen, wie ich es die letzten beiden Jahre getan habe. So viel Geduld muss ich aufbringen.

Diese Erkenntnis lässt mich innehalten und durchschnaufen. Nachdenken. So wie jetzt, mitten in der Nacht, auf meiner Terrasse. Ich kann das Übergewicht von Jahrzehnten nicht in zwei Monaten loswerden, das ist natürlich klar. Meine Psyche war lange Zeit zu schwach, und zu instabil, um konsequent etwas dagegen zu tun.

Aber das ist meine Vergangenheit, die ich nicht mehr ändern kann. Es nutzt schlussendlich auch nichts, zurückzublicken und sich immer wieder die Niederlagen vor Augen zu führen. Ich muss nach vorn blicken und auf mein Ziel hinarbeiten. Meine Hemmungen Ärzten gegenüber überwinden. Was nicht einfach ist, da es oft Ärzte gibt, die bei übergewichtigen Patienten die eigentliche Diagnose gar nicht stellen, da die Schmerzen „sicher auf das Übergewicht zurückzuführen sind“.

Ein weiterer Schluck aus meiner Wasserflasche. Die Flüssigkeit ist bei weitem nicht mehr so kalt wie vorhin, aber immer noch kühler als die Umgebungstemperatur. Ich fühle, wie die Betonwände hinter mir die von der Sonneneinstrahlung aufgenommene Wärme wieder abgeben. Mein Rücken und meine Schenkel kleben auf dem Liegestuhl, aber just in diesem Moment bewegt sich die Luft, und ein Windhauch streicht über die Terrasse. Ich atme tief durch und genieße es.

Auf meine Bedürfnisse zu achten, und die Umgebung, die Natur um mich herum wieder mehr wahrzunehmen; das war eine weitere Erkenntnis. Im Wind, im Regen, in warmen Sonnenstrahlen auf meiner Haut, dem Vogelgezwitscher, finde ich Ruhe, finde ich ein Stück weit wieder zu mir selbst. Entschleunigen, beruhigen, wahrnehmen. Das hilft mir sehr. Was auch hilft, sind die steten Rückmeldungen lieber Menschen in meinem Umfeld, die so gar nicht wie meine boshafte innere Stimme über mich und mit mir sprechen, und mich unterstützen, wo es ihnen möglich ist. Die mir regelmäßig vor Augen halten, dass ich wertgeschätzt und geliebt werde, so wie ich bin.

All das hilft mir, diese Mobber-Stimme wieder in die Schranken zu weisen. Auch, wenn sie mich mit Sicherheit noch einige Zeit begleiten wird. Aber meine Hoffnung – nein, mein Ziel ist es, dass ich jedes Mal, wenn sie wieder ertönt, es ein wenig schneller schaffe, sie zum Verstummen zu bringen. Bis sie irgendwann nur noch eine Fußnote in meiner Vergangenheit ist. Und ich mich mit einem Gewicht akzeptiere, in dem ich mich wohl und gesund fühle und mich selbst liebe, wie ich bin.

Verfasst im August 2022

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