Apokalypse

Leere. Unendliche Leere. Das war alles, was sie in diesem Moment fühlte. Sara starrte auf den Indoor-Pool, der sich vor ihren Augen über das Untergeschoss des verlassenen Einfamilienhauses erstreckte. Nichts bewegte sich, die Wasseroberfläche war spiegelglatt. Es war still hier unten. Die anderen suchten im Erd- bzw. Obergeschoss des Hauses nach Kleidung. Konserven. Waffen. Das Gebäude schien sicher zu sein. Für’s erste. Sara ging in die Knie und ließ eine Hand langsam durch das Wasser gleiten, während sie ihr Gesicht in ihrem Schal vergrub. Der Raum war friedlich. Das sich nun bewegende Wasser schlug leise gegen den Beckenrand.

Das Haus wirkte fast noch bewohnt, nur etwas unordentlich. Die Bewohner mussten bis vor kurzem hier gewesen sein. Vielleicht hatten sie flüchten können. Sara wünschte es ihnen. Ohne sie je gekannt zu haben. Sie schloss die Augen, senkte den Kopf und atmete schwer. Ein Schluchzen durchbrach ihre Atemzüge. Dieses Sterben war so sinnlos. Seit vielen Monaten war ihre Gruppe unterwegs, Tag um Tag, Nacht um Nacht. Sie mussten kämpfen. Gegen die Jahreszeiten, Hitze wie Kälte. Gegen Tiere, die Besitz von menschlich bewohntem Gebiet ergriffen. Gegen andere Menschen. Sie abwehren, verletzen; oft auch töten. Kämpfen, um zu überleben. Aber wozu? Da waren jene, die ihre Vorräte wollten. So wie früher am Schulhof das Pausenbrot, nur mit dem Unterschied, dass jetzt alle verängstigt und bewaffnet waren. Das war eine schlechte Kombination. Aber da waren auch noch die anderen. Die immer mehr zu werden schienen. Die nicht mehr sie selbst waren. 

Es hatte unscheinbar begonnen. Eine kleine Schlagzeile, die wochenlang in den Nachrichten herumgeisterte. Es betraf die westliche Welt nicht, also interessierte sie es auch nicht. Ein grippeähnliches Virus, der nicht eingedämmt werden konnte. Es gab keine Impfung, die Forschung arbeitete auf Hochtouren. Ständige Mutationen erschwerten das Herstellen eines Präparates, welches – wenn es schon nicht heilen konnte – zumindest schmerzlindernd oder infektionseindämmend sollte.

Skeptiker taten die Sache als unnötige Panikmache ab, Wissenschaftler warnten vor einer Pandemie, die Regierungen waren überfordert. Wenig später wurde das Virus eingeschleppt, und verbreitete sich in Windeseile in der Bevölkerung. Trotz gesetzlicher Maßnahmen wie Gesichtsschutz, Ausgangsbeschränkungen, Reise- und Besuchsverbote sowie Lockdowns wuchs die Zahlen der Infizierten täglich. Panikmache hin oder her: Fakt war, dass der Virus tötete. Wenn das Immunsystem des Infizierten nicht stark genug war, gab es keine Hoffnung. Das Virus raffte die Betroffenen dahin. Jene, die überlebten, trugen es weiter in sich und konnten es übertragen – blieben für den Rest ihres Lebens hochinfektiös. Sobald man mit einer Körperflüssigkeit eines Infizierten in Berührung kam, erkrankte man ebenfalls. Sei es Blut, Schweiß oder auch die Tröpfchen in der Atemluft.

Sara blickte müde aus dem großen Fassadenfenster, hinaus in die vereinsamte Landschaft, während ihr stumm Tränen über das schmutzige Gesicht liefen. Es schien, als ob Mutter Erde sich mit dieser „Erkältung“ an der Menschheit zu rächen schien. Der Versuch, wieder ein Gleichgewicht der Mächte herzustellen, indem ein unsichtbares Virus das mächtigste Säugetier des Planeten in seine Schranken wies. 

Die Lebenszeit eines Erkrankten war absehbar. Wenn er nicht am Virus selbst starb, begann die Veränderung. Manchmal dauerte es Wochen, manchmal nur Tage. Die Kranken wurden zu Kannibalen. Sie waren auf der Suche nach Menschenfleisch. Gesundem Menschenfleisch. Jene, die es nicht so weit kommen lassen wollten, nahmen sich das Leben. Das Schicksal der Menschen, die einem Angriff entkommen konnten, aber Bisse oder Kratzwunden erlitten, war klar: sie waren ebenfalls infiziert. Es gab kein Entrinnen. Tod durch das Virus, Tod durch den Angriff eines Infizierten, Tod durch die eigene oder auch fremde Hand. Nicht vorstellbar – und doch war es Realität geworden.

Die Gruppe war seit Anbeginn dieser Apokalypse zusammen. Familie, Freunde und Nachbarn – sie hatten sich gemeinsam auf den Weg gemacht. Das Ziel ihrer Reise war keinem bekannt, sie wussten nur, dass sie raus aus der Großstadt mussten. Je mehr Menschen an einer Stelle waren, desto kleiner waren die Überlebenschancen. Aktuell waren sie zu fünft, sie hatten schon einige Verluste hinnehmen müssen. Sara’s Nachbar Oliver hatte seine Schwester Lena kurz nach dem Ausbruch verloren. Noch bevor sie aus der Stadt flüchten konnten, hatte sie sich – welch Ironie – im Krankenhaus angesteckt. Nachdem sie zwei Krankenschwestern angegriffen hatte wurde sie vom Sicherheitspersonal mit einem Kopfschuss niedergestreckt. 

Oliver hatte die Obhut seiner Nichte Marie übernommen – mit ihren zwölf Jahren war sie das einzige Kind der Gruppe. Sara’s Bruder Marc hatte sich ebenfalls angeschlossen, genauso wie Georg und Steffi, Angestellte im Pub um die Ecke, in dem sich Sara regelmäßig mit Freunden getroffen hatte. Tom, ein Nachbar aus der Wohnung über Sara war der Letzte, den sie in die Gruppe aufgenommen hatten. Alle zusammen kannten sich gut genug, um einander zu vertrauen. Denn das  Vertrauen innerhalb der Gemeinschaft musste groß sein, um das Überleben Aller garantieren zu können. Wobei – eine Garantie gab es nie.

Heute war ein schlechter Tag für Sara. Einer jener Tage, an denen selbst sie die Zukunft der Menschheit hinterfragte. Wo das alles hinführen sollte. Was aus den Überlebenden werden sollte. Menschheit … Die Definition des Wortes musste neu überdacht werden. 

Sara war sonst immer diejenige, die die Köpfe der anderen wieder aufrichten konnte. Ihr Optimismus und ihre Fröhlichkeit waren ihre Markenzeichen. Sie schien mit allen gut auszukommen, denn sie wusste, wie sie den Menschen begegnen musste. Es war eine Gabe, sich auf andere Menschen einstellen zu können – ohne sich dabei zu verstellen. Aber heute war es anders. Heute benötigte Sara jemanden, der ihr sagte, dass das alles nicht umsonst war. Dass es einen Sinn machte, in diesem Chaos weiterzuleben. Sie hing in einem Tal der Hoffnungslosigkeit fest.

Vor zwei Tagen hatten sie Steffi verloren. Bei einem Angriff von Infizierten hatte sie Bisswunden davongetragen, bevor die Gruppe die Angreifer töten konnte. Das hieß, dass sie früher oder später mutierte und die anderen in Gefahr bringen würden, wenn sie nicht zuvor am Virus an sich verstarb. Es war allen klar, was das bedeutete. Steffi verabschiedete sich von weitem unter Tränen, Georg blieb mit ihr am Ort des Angriffs zurück. Umarmungen waren nicht mehr möglich, die Gefahr der Ansteckung war einfach zu groß. Nachdem sich der Rest auf den Weg gemacht hatte, hörten sie aus einiger Entfernung einen Schuss. Georg hatte Steffi – gerade mal Anfang 20 – erlöst, um niemand anderen zu gefährden und zu verletzen. Ein letzter Akt von Liebe und Verbundenheit. Er wollte nicht, dass sie litt – sie wollte nicht, dass die Gruppe durch sie in Gefahr geriet.

Sara erinnerte sich daran, wie sie in diesem Alter gewesen war. Ein kurzes Lächeln huschte über ihre Mundwinkel. Es erschien es ihr wie ein anderes Leben, diese Erinnerungen an Kinobesuche, romantische Abendessen oder Heilig Abend mit ihrer Familie. Ihre Eltern hatten das Ausmaß der Pandemie nicht mehr erlebt. Sie erkrankten beide am Virus und starben durch ein dadurch ausgelöstes Multiorganversagen. Im Nachhinein betrachtet ein Segen, auch wenn das makaber erschien. Ihren Bruder Marc hatte sie drei Monate, nachdem sich die Gruppe gemeinsam auf den Weg gemacht hatte, bei einem Angriff verloren. Er wollte sie schützen – ihr großer Bruder. Der immer auf sie Acht gegeben hatte. Und fiel dabei den Kannibalen in die Hände. Es waren zu viele, um sie alle zu töten. Sie musste hilflos dabei zusehen, wie Menschen voller Gier und Irrsinn in den Augen sich am Körper ihres Bruders labten. 

Seine Schreie ließen sie bis heute noch aus dem Schlaf hochschrecken. Sie hatte sich nicht mehr von ihm verabschieden können. Hoffte inständig, dass seine Seele friedlich den Weg zu ihren Eltern gefunden hatte. Nach dem Angriff war nichts mehr von ihm übrig, außer seine Umhängetasche, die Sara seitdem mit sich trug. Es schien ihr, als ob die Tasche noch den Geruch ihres Bruders festhielt. Die Erinnerungen an ihn, die mit dem Duft einhergingen, konnten sie beruhigen, wenn es ihr zu viel wurde.

Er fehlte ihr. Sie waren eng verbunden gewesen. Hatte auf sie aufgepasst. Sich für sie geopfert. Ohne auch nur einen Moment an sich selbst zu denken. Die Tage nach seinem Tod waren es die anderen gewesen, die ihr Halt gegeben hatten. Die ihr Mut zugesprochen und sie beschützt hatten. Besonders Oliver, der seine Schwester verloren hatte, war ihr in ihrer Trauer eine große Stütze gewesen.

„Den oberen Stock können wir gut verbarrikadieren. Wir bleiben vorerst hier“, hörte sie Oliver dumpf im Obergeschoss rufen. Sara blinzelte geistesabwesend und starrte weiter in das Wasser. Plötzlich spürte sie eine angenehme Nässe, die ihren Körper umschloss. Sie war in den Pool gefallen und trieb regungslos auf der Wasseroberfläche. Sie betrachtete die Fliesen am Grund des Pools. Das Wasser lief in ihre Ohren. Egal. Sie hielt die Luft an.

Eine seltsame Ruhe machte sich in ihrem Körper und ihrem Geist breit. Wie in Trance hörte sie ihrem eigenen Herzen zu, wie es seinen Schlag verlangsamte. Das Wasser schlug sachte gegen ihren Körper. Sara atmete langsam und gleichmäßig aus. Die Luftblasen stiegen links und rechts neben ihrem Gesicht hinauf zur Wasseroberfläche.

Ihr war bewusst, dass sie sich bewegen musste, um Luft zu holen. Aber sie schaffte es nicht. Nein – um ehrlich zu sein: sie wollte es nicht. Sie war müde. Ihre Glieder schmerzten von den tagelangen Märschen und Nächten auf hartem Beton oder unwegsamen Gelände. Es war angenehm, leicht, friedlich, im Wasser zu treiben. Sie war ruhig. Hatte nach wie vor nicht wieder eingeatmet.

Langsam merkte sie, wie der Atemreflex versuchte, wieder einzusetzen. Ein paar Mal tief unter Wasser einatmen, dann wäre es vorbei. Der ganze Schmerz, die Erinnerungen, das Leid. Alles wäre vergessen. Sara wusste, wie schwer es mittlerweile für jeden einzelnen war, ein Mitglied der Gemeinschaft zu verlieren. Egal, auf welche Weise. 

Die anderen. Wenn sie an die Gruppe dachte, flackerte ihr Überlebenswille plötzlich wieder auf. Das konnte sie ihnen nicht antun. Sie wollte bei ihnen bleiben. Ihnen helfen. Gemeinsam diese Hölle überstehen. Sara versuchte sich mit der letzten Kraft, die sie aufbringen konnte, zu drehen, konnte sich aber nicht bewegen. Panik ergriff sie. Ihre Kleidung, Schuhe, die Umhängetasche ihres Bruders, waren mit Wasser vollgesogen und zogen sie weiter unter die Oberfläche. Ihre Arme klatschten auf das Wasser um sich aufzurichten, aber sie schaffte es nicht. Das Becken war zu tief, um mit dem Kopf über Wasser aufrecht stehen zu können. 

Da bemerkte sie einen Schatten, kurz darauf sprang jemand neben ihr ins Wasser. Die Welle trug sie in die entgegengesetzte Richtung. Für einen Augenblick kam ihr Kopf über Wasser, sie konnte kurz einatmen und gurgelte etwas Unverständliches. Wenn es ein Fremder war, musste sie weg. Es könnte ein Infizierter sein, dann wäre es für sie auch bald vorbei. Sie versuchte zu schwimmen, kam aber nicht vom Fleck. die Person packte sie an der Schulter und drehte sie mit Gewalt um. Sara holte tief Luft. Sie hatte bereits Wasser geschluckt und hustete es wieder aus.

Ein starker Arm umfasste ihre Taille von hinten. „Atme Sara! Verdammt Sara, atme!“, hörte sie Oliver’s aufgebrachte Stimme. Er schwamm mit ihr die wenigen Meter bis zu den Eingangsstufen des Pools. Sie atmete ein paar Mal tief durch. Dann fing sie hemmungslos an zu weinen. 

Er setzte sich auf die oberste Stufe und hielt sie fest. Sara lehnte erschöpft zwischen seinen Beinen auf der Stufe unterhalb. „Ich wollte … ich konnte … nicht … bin so … müde …“, murmelte sie verzweifelt. „Shhh“, murmelte er leise und nahm seinen zweiten Arm zur Hilfe, um sie besser zu stützen. Es überkam sie wieder ein Hustenanfall und sie erbrach Wasser. „Gut so, raus damit“, sagte er ruhig und wiegte sie leicht hin und her. Sie stöhnte auf stützte sich auf seinen Knien ab. Ihre Arme zitterten, und Oliver half ihr vorsichtig. „Ich konnte es nicht …“, sagte sie wieder und schluchzte auf. „Was?“, fragte er leise.

Sie richtete sich auf und versuchte sich zu beruhigen. „Es beenden. Was machen wir hier eigentlich. Wozu das alles?“ Sara rieb sich die Augen, die vom Chlor brannten, und drehte sich zu ihm. „Kleiner Tipp am Rande: besorg dir eine Pistole. Ein Schuss in den Kopf. Fertig. Ist zwar ne Sauerei, kann dir dann aber egal sein. Und geht schneller als ertrinken“, erklärte Oliver trocken. Sara musste lächeln. Zu so einer Antwort war nur er fähig. 

„Was hättest du gemacht, wenn noch jemand hier gewesen wäre, der ansteckend ist und dich retten wollte? Oder sich zum Dank gleich einen Bissen von dir genehmigt?“, fragte er fast vorwurfsvoll. „Ich hätte dich dann getötet. Das weißt du, oder“, meinte er und sah ihr in die Augen. Seine Worte schienen einem Außenstehenden kalt und emotionslos erscheinen. Doch sie wusste, wie er es meinte. 

„Ja“, erwiderte sie mit zitternder Stimme. „Ich hätte es gehasst. Aber ich hätte es getan“, erklärte er weiter. Sara’s Mundwinkel zuckten. Sie wollte nicht wieder weinen, und nickt kurz und heftig. „Schon klar. Du willst niemanden mehr verlieren“, sagte sie und atmete tief durch. Er nahm ihr Gesicht in beide Hände. „Ich will niemanden mehr verlieren“, wiederholte er Sara’s Worte. Sein Blick wirkte besorgt. „Ich… Die Gruppe darf dich nicht verlieren“, ergänzte er. Sara hielt kurz die Luft an und blinzelte. Wassertropfen liefen über ihr Gesicht und vermischten sich mit den Tränen auf ihren Wangen.

Sie sah ihn fragend an und zog die Augenbrauen zusammen. Hatte er gerade „ICH darf dich nicht verlieren“ sagen wollen? „Sara. Spitzname Sonnenschein. Jeder von uns schöpft täglich neuen Lebensmut, weil DU bei uns bist. Trotz der ganzen Scheiße hier. Die Sonne geht auf. Sara sagt, es wird ein schöner Tag. Wir töten Infizierte. Sara hofft auf ihren Seelenfrieden. Vogelbabies fallen aus ihrem Nest. Sara setzt sie wieder zurück in ihr Nest. Ich würde das Federvieh nicht mal sehen. Und das alles passiert mit einem Lächeln“, erklärte er sanft. Er blickte auf ihre gleichmäßig geformten Lippen und fuhr mit einem Daumen kurz darüber, um die Wassertropfen darauf wegzuwischen.

Es tat ihm weh, sie leiden zu sehen. Sie hatte sich stark verändert, seitdem sie gemeinsam losgezogen waren. Damals hing sie an ihrem Bruder, ließ ihm den Vortritt, stand in seinem Schatten. Marc war in Ordnung gewesen, hatte sich um sie gekümmert. Aber er hatte nie versucht, Sara aus dieser passiven Rolle herauszuholen. Sie war stark. Ein Fels in der Brandung. Sie war optimistisch, konnte die anderen wieder aufbauen und mitreißen. Sie sah in jedem das Gute, ließ sich aber nicht blenden.

Mit Hilfe ihrer Menschenkenntnis hatte er als Anführer der Gruppe schon oft die richtige Entscheidung für die Gemeinschaft treffen können, wenn sie auf andere Überlebende trafen. Sie wusste wie er tickte, und akzeptierte ihn, wie er war. Sie konnte Geheimnisse bewahren, die sonst niemand wusste. Das mochte er an ihr.

Die letzten Monate war sie ihm ans Herz gewachsen. Er zeigte seine Gefühle nicht, das hatte er nie gelernt. Was er preisgab, war sein Verantwortungsbewusstsein und sein Beschützerinstinkt. Diese Eigenschaften waren stets präsent, seitdem sein Vater ihn und seine Schwester als Kinder geschlagen hatte. So oft er konnte, hatte er sich vor seine Schwester gestellt, um die Schläge des Vaters zu kassieren und sie zu schützen. Diese Gruppe war das, was einer Familie am nächsten kam. Die Gemeinsamkeit, dass beide – Oliver und Sara – ihre Geschwister durch die Umstände des Virus verloren hatten, schien ein unsichtbares Band zwischen ihnen zu knüpfen.

Sara war durcheinander. Sie wusste, dass Oliver ein zynischer Einzelgänger war. Innen drin jedoch genauso verletzbar wie alle anderen. Aber diese Seite zeigte er so gut wie nie. Sie verlangte es auch nicht, oder manipulierte ihn dazu, sie zu zeigen. „Keine Ahnung wie du das immer schaffst, aber es tut uns allen gut“, flüsterte er und lächelte leicht. Das kam auch nicht oft vor bei ihm. Aber wenn es jemand schaffte, dann war es Sara. „Pass auf dich auf, und bleib bei uns. OK?“, fragte er und sah ihr fordernd in die Augen. 

Sie nickte leicht und wandte den Blick seitlich auf den Beckenrand, wo sie seine Armbrust auf den Fliesen liegen sah. Er gab ihr einen brüderlichen Kuss auf die Stirn. Wie er es schon oft getan hatte. Aber diesmal war es anders. Er hielt kurz inne und wanderte dann langsam ihr Gesicht entlang, seine Nasenspitze streifte ihre Wange. Sara schloss die Augen. Trotz der nassen Kleidung war ihr nicht kalt. Sie spürte ebenfalls, dass die Stimmung anders war als sonst. Sie mochte Oliver. Er war ehrlich und geradlinig. Er achtete auf die Schwächeren der Gruppe. Sie wusste, dass jeder Verlust auch innerlich an ihm nagte.

Sie spürte seinen Atem auf ihrem Mund und merkte, dass er zögerte, sie zu küssen. Sie öffnete kurz die Augen und sah direkt in seine blauen Augen. Sein Blick wechselte zwischen ihren Augen und ihrem Mund hin und her. Er spürte eine seltsame Unruhe in seiner Brust, sein Hals schien sich zu verengen. Etwas hielt ihn zurück, sich die letzten Zentimeter vorzubeugen. Auch Sara hatte den Wunsch, ihn zu küssen. Aber sie wollte nicht, dass ihre Beziehung sich dadurch veränderte. Sie mussten sich aufeinander verlassen können, Beziehungsstress konnte sich in diesen Zeiten niemand leisten.

Sie streckte sich ihm entgegen und küsste ihn leicht auf seine Wange. Dann umarmte sie ihn und drückte ihn so eng an sich, wie es ihre geschwächten Arme zuließen. Oliver vergrub seinen Kopf in ihrer Halsbeuge, schloss die Augen und streichelte ihren Rücken. Sie genoss seine Berührung, seine warmen Hände strahlten durch die feuchte Kleidung auf ihre Haut. Auch er empfand ihre Umarmung als angenehm, beruhigend, in einer gewissen Art sogar beschützend.

Sara’s Kopf war wie leergefegt. Keine schwermütigen Gedanken mehr. Nur dieser Moment. Diese Umarmung. So langsam, wie ihr Herz kurze Zeit zuvor noch geschlagen hatte, so kräftig und schnell pulsierte es in diesem Augenblick. Ja. Sie war am Leben. Und sie wollte leben. Weiterleben. Mit Oliver und den anderen. Ihrer Familie.

Nach einer gefühlten Ewigkeit trennten sie sich voneinander. Sara bemerkte, dass er sich wieder verschloss. Er sah an ihr vorbei Richtung Treppenhaus, sein Körper spannte sich an und er ging auf Abstand, aber sie nahm es ihm nicht übel. Sie hörte Marie die Treppe hinunter trippeln und stand vorsichtig auf. „Was ist denn hier passiert?“, rief Marie neugierig und blieb am anderen Ende des Pools stehen. „Ich war ein Tolpatsch und bin in den Pool gefallen. Dein Onkel war so nett und hat mir wieder rausgeholfen“, erklärte sie dem Mädchen die Lage ruhig und lächelte sie an. Sie war erst zehn – ihr die wahren Umstände zu erklären wollte Sara der Kleinen ersparen. Es war schwer genug für sie, in dieser Welt aufzuwachsen, in der kaum ein Tag verging, an dem nicht etwas Tragisches geschah. Oliver saß noch immer hinter ihr und beobachtete die Szene still.

Marie kam ihnen entgegen. „Bist du so müde, Sonnenschein? Ich auch! Soll ich dir oben einen Schlafplatz reservieren? Ich sammle alle Polster ein, die ich finden kann!“, bot Marie ihre Hilfe an. Sara lächelte das Mädchen an und stand langsam auf. „Komm zu mir, Süße“, seufzte sie dankbar und stieg langsam an Oliver vorbei aus dem Wasser. Einen Moment länger als notwendig hielt sie sich dabei an seinem Oberarm fest, bevor sie weiterging. Oliver ging ihr langsam nach und achtete auf ihre Schritte. Sie war noch wackelig auf den Beinen, schien sich aber wieder beruhigt zu haben. Er überlegte, ob er sie hätte küssen sollen. Obwohl: Dieser Moment hatte ihre Beziehung auf jeden Fall verändert.

Sara und Marie trafen sich bei Oliver’s Armbrust, und Sara’s liebevolle Umarmung wurde von dem Mädchen zärtlich erwidert. Nach Steffi’s Tod war Sara die einzige weibliche Bezugsperson, die der Kleinen in der Gruppe geblieben war. „Du bist ein Schatz, Marie. Das wäre ganz wundervoll, wenn du ein Plätzchen für mich suchen könntest. Und Polster sind zwar eine tolle Sache, aber nimm den anderen nicht alle weg, verstanden?“, schmunzelte Sara und streichelte dem Mädchen sanft über den Rücken. 

Marie löste sich aus der Umarmung. „Ja klar, aber ich weiß, du magst Polster gern. Ich frag einfach“, meinte sie pragmatisch. „Darf ich dann bei dir schlafen?“, fragte sie hoffnungsvoll. „Natürlich, Süße“, antwortete Sara und strich Marie kurz über die Wange. „Und was ist mit mir?“, rief Oliver fragend. „Jaja, für dich sowieso, weiß ich doch“, winkte Marie ab und und machte sich auf den Weg zurück zu den anderen. Sara hob schwerfällig die Armbrust auf hielt sie Oliver entgegen. „Du hast da was fallen lassen, Robin Hood“, lächelte sie. Er nahm ihr die Armbrust ab und schulterte sie.

„Sehen wir zu, dass wir trockene Sachen auftreiben. Sonst krepieren wir an einer einfachen Lungenentzündung. So habe ich mir meinen Abgang nicht vorgestellt“, sagte Oliver und deutete Richtung Stiegenaufgang. Sara nickte. „Dann wäre die ganze Aktion hier umsonst gewesen. Zumindest was mich angeht“, sagte sie sarkastisch und ging voraus. Vor den ersten Stufen drehte sie sich noch einmal um. Er blieb ebenfalls stehen und sah sie fragend an. „Andererseits hast du seit langem wieder mal sowas wie eine Dusche abbekommen. Ich finde, das war es wert“, kicherte sie leise, zwinkerte ihm zu und ging dann langsam die Stufen hoch. Er sah ihr nach und grinste. Sie war immer noch dieselbe. Davon war er überzeugt. Irgendetwas war zwar anders. Aber anders hieß nicht zwingend schlechter. Das hatte sie ihn in den letzten Monaten gelehrt.

Verfasst im Sommer 2015, überarbeitet im November 2020

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